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Schirmherrin Lamya Kaddor zu Gast in Solingen

Ein bunt gemischtes Publikum von etwa 100 Schüler*innen und Erwachsenen wartete am Donnerstag Abend in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule gespannt auf die Autorin Lamya Kaddor. Die Schirmherrin des zukünftigen Betty-Reis-Buchpreises las aus ihrer Biographie „Die Sache mit der Bratwurst“. Mit viel Humor, aber durchaus ernsthaft, brachte sie dem Publikum anhand kleiner Anekdoten näher, was es bedeutete als Kind syrischer Eltern in Deutschland aufzuwachsen, sich als „anders“ wahrzunehmen und von der Schule zum Sonderfall erklärt zu werden, obwohl man sich selber als völlig normal empfindet. Aus dem „Ausländerkind“, das man aus Unkenntnis in den 1980er Jahren einfach in den Türkisch-Unterricht gesetzt hatte, wurde eine Islamwissenschaftlerin, die als Religionspädagogin an einer Dinslakener Schule unterrichtete.  „Wenn ich gefragt werde, wie schaffen Sie das so zwischen den Welten zu wechseln, dann weiß ich eigentlich nicht, was diese Leute meinen. Für mich ist das alles eine Welt und das ist gut so.“


Neben der Sache mit der Bratwurst las Kaddor ein Kapitel aus ihrem Buch „Zerreißprobe“ zu der Frage was Deutschsein eigentlich ist. Sie plädiert für einen beherzten Verfassungspatriotismus. „Wir müssen Vielfalt akzeptieren, das ist einfach ein Fakt und es wird in Zukunft noch bunter. Aber worauf wir bestehen müssen, das ist unser Grundgesetz als Grundlage des Zusammenlebens.“ Sie sprach sich für mehr Mut und Umsicht aus, zu widersprechen, wenn einem menschenfeindliche Äußerungen begegnen, und seien sie nur beiläufig. „Ausgrenzung führt in letzter Konsequenz immer zu Gewalt.“

Im Anschluss an die Lesung folgte eine von Simone Theyssen-Speich moderierte Podiumsdiskussion, die sich mit der Frage beschäftigte, wie Bücher Welten für Kinder und Jugendliche öffnen können. Kaddor berichtete davon, dass ihre Eltern ihr zwar Geschichten erzählten, sie aber die arabischen Bücher ihrer Eltern nicht lesen konnte. Nachdem sie deutsch lesen gelernt hatte, wurden Charaktere wie Pippi Langstrumpf zu wichtigen Identifikationsfiguren. Stefanie Leo, die für den Betty-Reis-Buchpreis die Kinder- und Jugendjury betreuen wird, wies darauf hin, dass gute Bücher ihre Botschaft nicht mit dem Holzhammer vermitteln, sondern auch schlichtweg gut unterhalten müssen und dafür seien Kinder die besten Experten. Für Doris Schulz vom Christlich-Islamischen Gesprächskreis liegt der große Vorteil des Mediums Buch darin, dass man als Leser im Kopf oder vorlesend die Geschichten selbst versprachlicht und ausgestaltet. „Filme und Theater haben ihre eigenen Qualitäten, aber sowas kann nur ein Buch leisten.“ Schülerin Anna Vogt bedauerte, dass die Zeit und Muße zum Lesen bei Jugendlichen immer weiter abnimmt. Nasser Firouzkhah vom Zuwanderer- und Integrationsrat berichtete von den Vorlesewettbewerben der Grundschulen, bei denen neuerdings auch Beiträge in der Muttersprache bewertet werden. „Es ist toll zu sehen, mit welchem Engagement die Kinder dabei sind und wie vielfältig der Wettbewerb dadurch wird.“ Chrysa Eleftheriadi von der Werte-Akademie Axion nutzt bei ihren Workshops an Schulen gerne Kurzgeschichten und Fabeln, um Schüler*innen Situationen zu vermitteln, in denen sich die Frage nach Werten stellt. „Bleiben Sie weiter an dem Thema dran. Ich bin sehr gespannt auf den ersten Buchpreisträger der Betty-Reis-Gesellschaft“, bestätigte Lamya Kaddor die Runde.

Bei Häppchen des Freundeskreises Burger Brezel gab es Gelegenheit zum Austausch und Lamya Kaddor nahm sich Zeit, Bücher zu signieren, die die Buchhandlung Schatzinsel an einem Büchertisch bereit hielt. Stefanie Leo zeigte sich begeistert: „Nachdem ich Frau Kaddor jetzt live kennengelernt und ‚Die Sache mit der Bratwurst‘ gelesen habe, muss ich sagen: ich kann mir wirklich keine bessere Schirmherrin vorstellen.“

Fotos: Daniela Tobias